Interview: Big Data

Der Datenberg ruft!

Laut Branchen-Analysten wächst das „digitale Gebirge“ stetig an – im Jahr 2020 werden voraussichtlich pro Kopf sechs Terabyte an Daten gespeichert sein, was einer Textmenge von ungefähr drei Millionen Büchern entspricht. Dr. Christian Schwingenschloegl, Head Mobility Data Analytics bei Siemens, erläutert im Interview, warum es sich lohnt, HAFAS-Daten näher unter die Lupe zu nehmen.

HAFAS-Systeme sammeln nicht erst seit Kurzem eine Vielzahl an Daten. Warum stehen sie derzeit besonders im Fokus?

Schon heute verraten uns die Anfragezahlen über HAFAS zuverlässig, wann Menschen am meisten unterwegs sind, woher sie kommen und wie sie sich im Falle von Verspätungen oder anderen Störungen unterwegs auf ihrer Route verhalten. Busse und Bahnen sammeln via HAFAS Smart VMS Echtzeitdaten, die Informationen zu Verspätungen, Auslastungen und Anschlüssen liefern – so gewinnen Verkehrsunternehmen wichtige Erkenntnisse hinsichtlich ihrer Einsatzplanung für Fahrzeuge und Personal. Die Auswertung dieser Big Data-Archive leistet einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung der Verkehrsunternehmen. Zukünftig soll Big Data aber nicht mehr nur die Frage beantworten: Was geschieht gerade? Sondern es wird immer mehr darum gehen, Prognosen zu erstellen und Entscheidungshilfen zu geben, um fast hellseherisch in die Zukunft zu schauen: Was wird geschehen und wie können wir bereits jetzt darauf reagieren? So verwandeln wir Big Data in Smart Data.   

Worin liegen die konkreten Vorteile von Data Analytics?

Nur, wer den Inhalt dieser großen Datenmengen versteht, kann einen Mehrwert für Verkehrsunternehmen und damit auch für die Fahrgäste schaffen. Ein Beispiel dafür sind ÖV-Daten aus Berlin im Umfeld zweier Konzerte, die wir uns einmal genauer angesehen haben, nämlich Depeche Mode und U2. Beide Konzerte fanden unter etwa gleichen Rahmenbedingungen statt: Im Olympiastadion, im Sommer und mit jeweils ca. 70.000 Besuchern. Die Auswertung der Fahrplananfragen an HAFAS zeigt jedoch einen wesentlichen Unterschied: Die Depeche Mode-Fans reisten vorrangig aus Ost-Berlin, die U2-Gemeinde dagegen vor allem aus West-Berlin an. Natürlich werden anlässlich solcher Massen-Events die Taktungen des öffentlichen Zubringerverkehrs angepasst, so dass die An- und Abreise der Besucher möglichst reibungslos verläuft. Dank der Analyse der von HAFAS gesammelten Daten können wir aber auch für solche Großereignisse sowie für viele kleinere Events bereits mehrere Tage im Voraus den Bedarf an zusätzlicher Transportkapazität vorhersagen. So werden zukünftig sowohl überfüllte Züge als auch leere Fahrzeuge deutlich seltener zu sehen sein. Zusätzlich liefern HAFAS-Daten wertvolle Hinweise darüber, wo und wann viele Reisende lange auf Anschlüsse warten müssen. Das Flottenmanagement sowie die Personal- und Einsatzplanung der Infrastruktur können auf Basis dieser Informationen mit mehr Weitsicht umgesetzt werden.

Der Datenschatz ist das eine, aber wie steht es um den Datenschutz?

Bei der Auswertung der HAFAS-Daten ist tatsächlich die Masse interessanter als der einzelne Reisende – deshalb nutzen wir selbstverständlich GDPR-konforme, anonymisierte Daten für die Analysen. Wir wollen ja verstehen, wie der ÖV zukünftig für viele Nutzer attraktiv bleibt. Und – es sind und bleiben die Daten unserer Kunden. Aus unserer Sicht ist es daher wichtig, dass die Verkehrsunternehmen die Deutungshoheit über das Reiseverhalten ihrer Kunden behalten. Daher unser Appell: Nutzen Sie Ihre eigenen Daten und schürfen Sie all die Informationen daraus, die einen besseren Service zum Wohle Ihrer Kunden ermöglichen!

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